Predigt am Karfreitag, dem 2.4.2021 in der Dorfkirche Eiche bei Berlin über Lukas 23,32-49:

Es wurden aber auch noch zwei Verbrecher mit ihm zur Hinrichtung geführt. Und als sie an den Ort kamen, der Schädelstätte genannt wird, kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen zur Rechten, den anderen zur Linken. Und Jesus sprach: „Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Sie aber teilten seine Kleider unter sich und warfen das Los darüber. Und das Volk stand dabei und sah zu. Und auch die vornehmen Leute spotteten: Andere hat er gerettet, er rette jetzt sich selbst, wenn er doch der Gesalbte Gottes ist, der Auserwählte.

Und auch die Soldaten machten sich lustig über ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann rette dich selbst! Es war auch eine Inschrift über ihm angebracht: Dies ist der König der Juden. Einer aber von den Verbrechern, die am Kreuz hingen, verhöhnte ihn und sagte: „Bist du nicht der Gesalbte? Rette dich und uns!“

Da fuhr ihn der andere an und hielt ihm entgegen: „Fürchtest du Gott nicht einmal jetzt, da du vom gleichen Urteil betroffen bist? Wir allerdings sind es zu Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“

Und er sagte: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“

Und er sagte zu ihm:“ Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Und es war schon um die sechste Stunde, und eine Finsternis kam über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verfinsterte sich; und der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei. Und Jesus rief mit lauter Stimme: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“

Mit diesen Worten verschied er. Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sagte: „Dieser Mensch war tatsächlich ein Gerechter!“

Und alle, die sich zu diesem Schauspiel zusammengefunden und gesehen hatten, was da geschah, schlugen sich an die Brust und gingen nach Hause. Alle aber, die ihn kannten, standen in einiger Entfernung, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa gefolgt waren, und sahen alles.1

Liebe Gemeinde,

vor kurzem begegnete mir der Begriff „Kognitive Dissonanz“ und ich wurde auf den Artikel darüber auf Wikipedia2 hingewiesen. Das hat mich bewogen den Bericht des Lukas mal unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten.

Wir kennen sicher alle innere Spannungszustände, wenn uns etwa passiert ist oder wir etwas erfahren haben, was unseren Überzeugungen und Gefühlen widerspricht. Wie gehen wir damit um? Wenn wir uns unsere kindliche Neugier auch als Erwachsene noch erhalten haben, könnten wir uns dafür interessieren, warum wir uns so verhalten haben, was uns dazu gebracht hat oder warum die neue Information, die wir erhalten haben, uns so verwirrt und in Unruhe versetzt und so gar nicht zu unserem bisherigen Wissen passt.

Häufig gehen wir Erwachsenen aber mit solchen Differenzen zwischen unseren Werten und Überzeugungen und unseren Taten und Erfahrungen anders um. Wir ignorieren sie einfach oder tun so, als sei nichts passiert oder wir überlegen uns Begründungen, warum wir so gehandelt haben. Dazu gehört häufig, dass wir denjenigen, dem wir geschadet haben, abwerten und dem anderen die Schuld für einen Zwischenfall geben, zum Beispiel für einen Unfall.

Von solcher Abwertung aus sicher einer inneren Unruhe heraus, einem Unwohlsein angesichts dessen, was da geschieht, wird hier erzählt. Das Sprichwort sagt: „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.“ - In diesem Fall: Jesus! Zuerst werden die Oberen des Volkes genannt, die vor dem Volk, das bei der Kreuzigung zusah, höhnten: „Andere hat er gerettet, er rette sich selbst, wenn er der auserwählte Christus Gottes ist!“ - Es sind die Mitverantwortlichen an Jesu Verurteilung, die sich offensichtlich vor dem Volk rechtfertigen wollen. Aber von einer Schuld, die, die Kreuzigung verdient hätte, ist nicht die Rede. Eher sieht das nach einem Konkurrenzgefühl aus. Die Sieger, als diejenigen, die das Volk führen wollen, verhöhnen den Besiegten in diesem Zweikampf.

Dann werden die Soldaten genannt, die die Kreuzigung durchzuführen haben: „Wenn du der König der Juden bist, so rette dich selbst!“ Auch hier geht es um ein Machtverhältnis. Da ist der Kaiser in Rom. Sie sind seine Vertreter, seine Soldaten. Und da ist einer völlig machtlos, ungefährlich, ohne einen einzigen Mann, der zu ihm halten würde, wehrlos. - Das ist eigentlich für einen Kämpfer unwürdig, einen Wehrlosen so zu strafen. Der Spott, das Niedermachen des Opfers hilft, die innere Spannung zu ertragen.

Als Dritter wird der eine Mitgekreuzigte genannt: „Bist du nicht der Christus? Rette dich und uns!“ Er, der Verbrecher sieht sich mit Jesus auf einer Ebene, nein: er erhebt sich über ihn, spottend, den anderen nacheifernd: den Obereren des Volkes und den Soldaten, und gibt Jesus einen Befehl: „Rette uns!“

Positiv, dass es auch in einer solchen Situation anders geht, man sich selbst gegenüber auch ehrlich bleiben kann, wird von Lukas der zweite Gekreuzigte beschrieben, der den erst Genannten zurechtweist: „Hast du denn gar keine Furcht vor Gott? Wir zwei haben empfangen, was unsere Taten wert sind, dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“

Er hat es nicht nötig, seine innere Spannung durch Hohn und Niedermachen eines unschuldigen Opfers und Wehrlosen abzuleiten, sondern weist auf eine höhere Instanz, der alle verantwortlich sind: auf Gott. Den augenblicklichen Zustand nimmt er nicht als endgültig hin, sondern weiß, dass die Geschichte noch weitergeht, dass es noch Zukunft gibt. So sagt er zu Jesus: „Gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!“

Ich denke, dass das etwas ist, was auch wir ganz leicht aus dem Blick verlieren in solchen spannungsreichen Situationen, die uns aufwühlen und uns infrage stellen. Wir versuchen wieder ruhig zu werden und dazu hilft ein Witz, Hohn, Humor. Warum sonst ist Kabarett, gerade auch politisches Kabarett so beliebt? Durch das Lachen wird innere Spannung entladen, aber auch die Energie, die wir Menschen brauchen, um Probleme zu lösen und die Zukunft im Blick zu behalten, verpufft.

Ich habe mich gefragt: Warum kommen Menschen zu öffentlichen Hinrichtungen? Mitte des 19. Jahrhunderts waren das so viele bei uns in Deutschland, dass man sich entschloss, sie nicht mehr öffentlich durchzuführen. Die beiden letzten fanden im Oktober 1864 in Marburg und in Greiz statt.

Warum sind um die 500 Jahre lang die Menschen zu Tausenden in das Kollosseum in Rom geströmt, um dort mitanzusehen, wie Tiere und Menschen sich gegenseitig zerfleischten? Welch grausame Methoden haben wir Menschen uns für öffentliche Hinrichtungen ausgedacht! Und es gibt sie bis heute in nicht wenigen Ländern!

Die Kreuzigung als eine der grausamsten Formen, als quälender stundenlanger Erstickungstod wurde zwar offiziell durch Kaiser Konstantin im Jahr 320 als Folge des Todes Jesu am Kreuz verboten3, aber 1993 hörte ich von jugoslawischen Flüchtlingskindern und einem deutschen Lehrer, der sich um sie kümmerte, dass sie Angst hatten, unsere Kirche zu betreten, weil ein Kind miterlebt hatte, dass Christen einen Muslim gekreuzigt hatten.

Warum haben Menschen an solcher Grausamkeit Gefallen? Ich habe im Internet nach einer Antwort gesucht, aber außer den Beschreibungen nichts, was mich befriedigen würde, gefunden.



Nun war mein Blick bisher darauf gerichtet, wie die, die die Kreuzigung Jesu miterlebten, darauf reagierten. Aber wichtig ist auch das Verhalten derer, die nicht dabei waren, nämlich der Jünger.

Lukas erzählt, dass Jesu Bekannte und die Frauen, die ihm von Galiläa aus nachgefolgt waren, von Ferne zusahen, aber nichts von den Jüngern, nur die Verleugnung des Petrus.

Die Frauen sind auch im Folgenden die Handelnden. Als Joseph von Arimathäa um den Leichnam Jesu bittet und ihn in sein Grab legt, sind sie dabei und kehren zurück, um Salben zu bereiten und sind so die ersten am Grabe nach der Sabbatruhe früh am ersten Tag der Woche, unserem Sonntag.

Doch auch die Jünger, diese Männer, die Jesus so eng verbunden waren als seine Schüler ca drei Jahre lang Tag und Nacht mit ihm sein Leben geteilt hatten, auch sie mussten mit dem, was geschehen war, fertig werden.

Lukas redet nicht von ihrer Flucht, sondern, dass Jesus in Gethsemane bei seiner Verhaftung zu den Soldaten gesagt hat: „Lasst sie gehen!“ Aber Petrus, dem Wortführer der Zwölf, hatte er angekündigt, dass er ihn verleugnen würde und er hatte es gemacht: dreimal ehe der Hahn krähte.

Peinlich war es für sie, dass die Frauen mutiger waren als sie und die Kreuzigung von Ferne verfolgt hatten.

Lukas erzählt von den Emmausjüngern, Kleopas und einem namenlosen Jünger, dass sie wieder nach Hause gingen, enttäuscht in ihren Erwartungen: „Wir hofften, er sei es, der Israel erlösen sollte.“ Sie hatten gehört, was die Frauen berichteten und dass eine Erscheinung von einem Engel gesagt hatte, dass Jesus lebe. Aber, wie gesagt, die beiden Jünger waren verwirrt und enttäuscht und gingen wieder nach Hause.

Für Menschen normal wäre auch gewesen, wenn sie sich von Jesus noch mehr distanziert, ja ihn wie die Leute bei der Kreuzigung auch verhöhnt hätten und sich selbst gleich mit: „Schön dumm sind wir gewesen, an ihn zu glauben, ihm zu vertrauen, so viel Zeit mit ihm zu verbringen, die Familie so lange allein zu lassen!“... „Wir haben noch Glück gehabt, dass uns nichts weiter passiert ist, aber wer weiß, was noch kommt? Ob die auch noch hinter uns her sein werden? Darum am besten wieder nach Hause oder untertauchen! Das Leben geht weiter. Am besten alles vergessen!“

Liebe Gemeinde, das ist das Wunderbare an dieser Geschichte von der öffentlichen Hinrichtung Jesu, dass es dazu nicht gekommen ist, sondern dass die Jünger in den Folgejahren zu dem, was sie getan und mit Jesus erlebt hatten, standen, dass aus dem feigen Petrus, dem Verleumder, ein Bekenner wurde, und dass diese Männer in einer so patriarchalisch geprägten Gesellschaft auch erzählten, was die Frauen ihnen berichtet hatten - und das in einer Gesellschaft, in denen Frauen nicht als Zeugen anerkannt waren, und was sie sagten, war nicht ernst zu nehmen – wie es auch die Emmausjünger nicht ernstgenommen hatten. Und: Es wird bis auf den heutigen Tag weiter erzählt, peinlich für sie bis heute!

Das alles war nur möglich, weil nach der Kreuzigung und dem Tod Jesu etwas geschah, und die Jünger Vergebung erfuhren durch Jesus, so wie er selbst sie immer wieder zur Vergebung aufgefordert hatte.

Vergebung heißt nicht vergessen, nicht „Schwamm drüber“, nicht Abschieben in die Vergangenheit und nun fangen wir noch mal von vorne an. Das wäre eine Illusion. Was passiert ist, ist passiert und bleibt ein Teil von mir. Ja, es kann sogar vielen anderen als Warnung dienen, nicht ebenso zu handeln oder zu reden wie ich.

Bei Lukas sagt Jesus, als er gekreuzigt ist, den berühmten Satz: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Dieser Satz steht nicht in allen alten Handschriften. In wichtigen Textzeugen fehlt er. Das zeigt, dass er umstritten war. Vielleicht wegen der Begründung: „sie wissen nicht, was sie tun,“ - dass sie Gott selbst ans Kreuz schlagen, den Christus, dass es wirklich der Erlöser ist, der Retter, der König - und dass sie ihn nicht loswerden dadurch, sondern ihn erhöhen, für alle sichtbar, nicht nur für die Schaulustigen, sondern bis zu uns heute, so dass Menschen aller

Völker auf ihn schauen und ihn erkennen so, wie als erster der Hauptmann unter dem Kreuz, der von Jesus sagt: „Dieser Mensch war wirklich ein Gerechter!“

Jesus selbst sagt: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ - wie später unzählige Sterbende nach seinem Vorbild.

Und zu dem zweiten Mitgekreuzigten sagt er: „Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Auch hier spricht er von der Kraft der Vergebung und in seiner Vollmacht zu vergeben. Wie er auf seiner Wanderschaft durch das Land als „Freund der Sünder und Zöllner“ geschmäht wurde von denen, die sich für gut und gerecht hielten, so ist er es bis an sein Ende diesem Verbrecher gegenüber und gegenüber seinen Jüngern.

Das ist seitdem unsere Hoffnung, dass auch wir mit seiner Vergebung zu rechnen haben. Darum dürfen wir uns schon jetzt zu unseren Taten bekennen, selbst wenn sie uns leid tun, sie Fehler waren, selbst wenn wir am Ende unseres Lebens feststellen müssen, dass wir nichts aufzuweisen haben an Bleibendem, dass es ein Scheitern war – und vielleicht sogar zu recht, weil wir auf dem falschen Wege waren, auf einem Weg, der uns nicht zu Gott und zu unseren Mitmenschen führte, sondern von ihnen weg.

Wir sollen auch nicht vergleichen und danach Ausschau halten, ob es noch andere gibt, denen es ähnlich ging wie uns, oder die noch mehr zu verantworten haben, um uns nicht mehr so allein zu fühlen mit der Last, die wir zu tragen und zu verantworten haben.

Da wären wir dann schon wieder dabei uns zu entlasten, indem wir andere belasten, sie runtermachen, uns über sie zu erheben. Wir wären dabei, was die Psychologen heute als typisch menschliches Verhalten bei „kognitiver Dissonanz“ beschreiben, eben bei einem unwohlen Gefühl, einer inneren Spannung, weil eigenes Handeln nicht den eigenen Werten und Gefühlen entspricht.

Lasst uns wie Jesu Jünger zu dem stehen, was wir taten und sagten, und Jesu Boten sein, die aus der Gewissheit der Vergebung leben , und unser Tun deshalb nicht verheimlichen, sondern offen darüber reden, wenn es angebracht ist, auch über Fehler und Schuld wie Petrus und Paulus. Amen.



Fürbittengebet:

Herr, was ist los mit uns Menschen, dass so viele von uns den Drang verspüren, Grausamkeit an anderen Menschen mitanzusehen, ja bereit sind, sich daran zu beteiligen?

Im Gedenken an das, was mit Jesus damals vor fast 2000 Jahren geschah, führst Du uns das seitdem jedes Jahr vor Augen. Bewahre uns davor, mit dem Finger auf andere zu zeigen und hilf uns, uns selbst zu prüfen.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich!

Barmherziger Vater, jeden Tag hören wir von Sterben und Tod und dem Kampf dagegen. Mehr als ein Jahr heißt es schon: Abstand halten! Langsam zweifeln wir, ob es je wieder wird wie vorher. Herr, erbarme Dich der Politiker und aller, die es werden möchten, die Pandemie nicht für den Wahlkampf zu nutzen, obwohl es doch das einzig interessierende Thema zu sein scheint. Schenke Mut zur Wahrheit der eigenen Ratlosigkeit. Hilf die Relationen richtig einzuschätzen. O Herr, und lehre uns, dass wir alle sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich!

Gütiger Gott, wir bitten Dich für alle, die um ihre Existenz bangen angesichts des nun schon so lange währenden Lockdowns, für alle, die unter der Last der Mehrarbeit drohen zusammenzubrechen, für die Pflegenden, die Ärzte in den Krankenhäusern, die Fahrer der Krankenwagen und all die anderen, die täglich neu zu entscheiden haben über die Arbeit anderer.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich!

Wir bitten Dich für die Menschen in Not in den Ländern, die noch weit größere Probleme haben als wir, für die Hungernden, die Menschen auf der Flucht, in Angst vor Unterdrückung und Krieg.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich!

Herr, es ist so wichtig, dass Dein Wort auch bei uns im Lande wieder zur Kenntnis genommen wird. Sende doch Deinen Geist, dass er die Herzen der Menschen öffne und Sehnsucht nach Deiner Wahrheit, der ganzen Wahrheit erwecke und dem Verdrängen, Verschweigen und Vergessen wehre. Lass uns die Jünger vor Augen stehen, wie sie mit ihrer Schuld umgegangen sind und Deine Vergebung bezeugen.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich!

Wir beten gemeinsam: Vater unser...

 

Anmerkungen:

1  Züricher Übersetzung

3  s. https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzigung – Zugriff am 7.4.202

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Für den 19. April 2020 hatte ich den Gottesdienst in der Kirchengemeinde Berlin-Schlachtensee übernommen. Wegen der Pandemie konnte ich ihn nur schriftlich und mittels Audio-Datei als Andacht zum Mitfeiern gestalten.

Thema war/Ist: Die Auferstehung wirft einen (zwei) Schatten auf unser Leben

Hier zur pdf-Datei.          Hier zur Audio-Datei

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Hier  veröffentliche ich nun eine Predigt, die zwar älter ist, aber durch die  gegenwärtigen Corona-Krise, wenn auch nicht durch die angeführten Beispiele aus der Tagespolitik, so doch immer noch aktuell ist:

Predigt am 10.November 2002, dem drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, in Berlin-Marzahn/Nord über 1. Thessalonicher 5,1-11:

 

Paulus schreibt dort: „Über Zeiten und Fristen aber, liebe Brüder und Schwestern, braucht euch niemand zu belehren. Ihr wisst ja selber genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Wenn die Leute sagen: Friede und Sicherheit, dann wird das Verderben so plötzlich über sie kommen wie die Wehen über die Schwangere, und es wird kein Entrinnen geben. Ihr aber, liebe Brüder und Schwestern, lebt nicht in der Finsternis, so dass euch der Tag überraschen könnte wie ein Dieb. Ihr seid ja alle 'Söhne und Töchter des Lichts' und 'Söhne und Töchter des Tages'; wir gehören nicht der Nacht noch der Finsternis.

Lasst uns also nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein! Wer schläft, schläft des Nachts, und wer sich betrinkt, ist des Nachts betrunken, wir aber, die wir dem Tag gehören, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf Rettung. Denn Gott hat uns nicht dazu bestimmt, dass wir dem Zorn verfallen, sondern dass wir die Rettung erlangen durch unseren Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit wir alle miteinander, ob wir nun wachen oder schlafen, zusammen mit ihm leben werden. Deshalb: Redet einander zu und richtet euch gegenseitig auf, wie ihr es ja tut.“1

 

 

Liebe Gemeinde,

ob wir wachen oder schlafen, wir leben mit Christus, sagt Paulus. Ob wir leben oder gestorben sind, heißt das: Wir leben mit ihm. Leben wir mit ihm?

Ich möchte einmal in die Runde fragen: Welche Geschichte fällt uns von Jesus ein? Welche ist uns gerade jetzt besonders wichtig? Welche Geschichte oder welches Wort?

 

Das Reich Gottes ist mitten unter uns, wenn wir mit Jesus leben, wenn wir ihn kennen – all das, was in den Evangelien und Briefen von ihm erzählt wird. Wir leben mit ihm, wenn wir mit seinen Augen versuchen unsere Welt zu sehen. Was würde ihn beeindrucken? Worüber würde er zornig sein? Wo würde er die Leute stehen lassen und still weggehen? Was würde er sagen? Wo würden wir ihn heute finden?

Mit Jesus leben – ist das anstrengend? - das Leben immer wieder mit seinen Augen anzusehen? Reicht es nicht, das Leben mit den eigenen Augen anzusehen?

Ja, aber mit dem Sehen ist das so eine Sache, genau wie mit dem Hören. Wir sehen nicht alles, was da ist, wir behalten nicht alles, was wir hören. Wir haben sehen und hören gelernt aufgrund unserer Erfahrungen. Wir haben das gesehen, worüber andere sprachen und worauf sie mit dem Finger zeigten. Wir haben das gehört, worauf andere uns hingewiesen haben, worüber geredet wurde, was etwas bewirkte.

So sehen wir nicht nur mit den eigenen Augen, sondern auch mit den Augen unserer Zeitgenossen. Und da wir oft nur glauben, was wir gesehen haben, hängt davon auch unser Glaube ab.

Wenn unsere Zeitgenossen glauben, dass der Friede im Land von der Sicherheit, die wir haben, abhängt, dann haben wir die Argumentationen so oft gehört, dass wir geneigt sind, das zu glauben.

 

Ich weiß noch, wie ich das erste Mal hörte, dass Deutschland einen blauen Brief von der EU bekommen sollte weil wir so schlecht dastünden: am Ende aller Länder in der EU. Ich konnte es erst einmal nicht glauben, genauso wie ich das erste Mal von den Ergebnissen der Pisa-Studie hörte. Unser Schulsystem so schlecht? Wir müssen von den anderen lernen? Wir Deutschen? Wo wir doch gewohnt sind zu meinen, nach den Amerikanern die Besten und Größten in der Welt zu sein? Irgendetwas kann da doch nicht stimmen. Aber inzwischen hat man das so oft gehört und zum zweiten Mal wurde ein blauer Brief angekündigt. Wir hören nur noch von sparen und sparen. Da fange ich an, es zu glauben. Es ist vielleicht doch nicht mehr so viel los mit Deutschland. Wenn ich nun den Satz lese: „Wenn sie sagen werden: Es ist Friede und Sicherheit, dann kommt plötzliches Verderben über sie wie die Wehen über die schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen können.“ - dann verstehe ich.

 

Wenn wir Menschen das geschafft haben, wovon wir immer geträumt haben: unser Lebensziel wirklich erreicht haben, dann meinen wir oft, dass jetzt alles gut sei und nur noch weiter gut sein kann. So haben wir 1989 gedacht, als das Wunder der Maueröffnung in der Nacht vom 9. zum 10. November geschah. Der kalte Krieg war endlich vorbei. Die aufeinander gerichteten Waffen in Ost und in West waren sinnlos geworden. Die Menschen lagen sich in den Armen! Die DDR-Leute feierten die ganze Nacht und noch Tage lang auf dem Kuhdamm Es war nicht zu begreifen. Die Welt war für uns in einer Nacht eine total andere geworden.

Jahrzehnte hatte es geheißen: Wir sind nur sicher durch unsere Waffen und unsere starken Verbündeten – auf beiden Seiten – und auf einmal war alles ganz anders. Ich dachte an die Mauern von Jericho, von denen erzählt wird, dass die Posaunen blasenden Israelis sie zum Einsturz gebracht hätten. Eine unglaubliche Geschichte der Bibel fing auf einmal an zu leben.

So ist es doch auch sonst mit dem Leben. Ganz unbemerkt übernehmen wir die Sichtweise der Mehrheit der Menschen um uns herum auf unserer Welt. Da ist es gut, wenn wir seit unserer Kindheit die biblischen Geschichten kennen und sie sich uns eingeprägt haben. Wenn dann die Welt oder unser Leben plötzlich so ganz anders ist, als wir meinen, dass es sein müsste, dann erschrecken wir nicht und verlieren nicht den Kopf, sondern entdecken: Das ist ja genau so wie bei Abraham oder David oder den Propheten oder eben mit Jesus.

Wenn man das so ein paar mal im Leben in entscheidenden Situationen erlebt hat, dann ist es nicht schwer, den Entschluss zu fassen, das Leben überhaupt nur noch aus der biblischen Perspektive zu sehen. Auch dann und an den Stellen, wo wir keine entsprechende Lebenserfahrung haben und sie uns unwahrscheinlich vorkommt!

 

Der Tag des Herrn, wie ein Dieb in der Nacht, so plötzlich und unvermutet?

 

Beim Erntedankfest am 6. Oktober haben wir es vorgespielt: das Gleichnis vom reichen Kornbauer, der sich sicher fühlt, weil er eine gute Ernte hatte, sicher für viele Jahre und in derselben Nacht fordert Gott sein Leben. Am Sonntag drauf fuhr ich in den Urlaub und als ich wiederkam, hörte ich, dass jemand aus unserer Gemeinde im Sterben liege. Ich wollte nachmittags ins Krankenhaus, aber erhielt den Anruf, es gehe ihm schon wieder viel besser. Da ich das schon öfter mit jenem Menschen erlebt hatte, blieb ich zu Hause. Am nächsten Tag war er tot. In der Nacht gestorben. Keiner hatte damit gerechnet, auch die Ärzte nicht.

Der Tag des Herrn – plötzlich stehen wir vor ihm – er vor uns. Leben wir mit ihm, sterben wir auch mit ihm. Dann wissen wir, wohin wir gehen und was uns erwartet, Dann erschrecken wir nicht, sondern bleiben nüchtern. Dann haben wir keine Angst, denn wir wissen: Wir sind Kinder des Lichts. Wir bleiben im Licht, denn selbst im Tod und im Sterben leben wir mit Christus. Denn er ist der Auferstandene und wir haben in diesem Leben mit ihm gelebt, so werden wir es auch im Sterben tun: mit ihm leben. Es gibt keine Finsternis mehr, keine Angst vor der Welt und dem Leben. Er ist uns nahe! Wir schauen die Welt mit seinen Augen, denn mit ihm sind wir im Gespräch. Jeden Tag! Wie sieht er unsere Welt? Wie sieht er unser Leben?

Wo es darum geht, immer höher, immer schneller, immer billiger, immer reicher zu werden/ zu sein, da wendet er sich ab: „Turmbau zu Babel. Wenn Ihr denkt, das bedeute Sicherheit und sei Euer Friede, dann hütet Euch vor dem plötzlichen Verderben. Es wird daherkommen, woher ihr es am wenigsten erwartet und Ihr werdet nicht entfliehen können.“

Das hat jede Generation von Menschen wieder neu zu lernen und zu erfahren. Es reicht nicht, dass Eltern oder Großeltern es erlebt haben und es den Jüngeren nun erzählen. Das ABC des Lebens muss jede Generation wieder neu lernen. Jeder neue Mensch fängt wieder von vorn an, wie er essen und trinken, lesen und rechnen lernen muss.

Gut ist es, wenn die Geschichten der Bibel sich fest einprägen, dann wird das Leben zu verstehen sein und werden keine falschen Ziele gesetzt. Dann werden wir vom Leben nicht nur Wohlergehen erwarten, sondern mit Jesus auf der Wanderschaft sein. Widerspruch, Feindschaft, Spott – das wird dazu gehören. Ein Abenteuer wird es sein. Vielen, vielen verschiedenen Menschen werden wir begegnen und viele Schwestern und Brüder haben. Gemeinschaft werden wir erleben und Enttäuschung, Alleingelassen werden.

Und doch werden wir nie ganz allein sein, denn einer wird immer bei uns sein. Er selbst: Jesus.

Mit ihm werden wir reden, mehr als mit allen anderen, denn ihm vertrauen wir. Liebe hat er in unsere Welt gebracht und in unser Herz. Wir schlagen die Zeitung auf und fragen uns, was los ist in dieser Welt – Krise, Krisen, wohin man schaut, Gewalt und Opfer, Drohung mit Krieg.

 

Noch immer fühlen sich die Führenden, scheint's, so sicher auf ihrem Weg, der „Fortschritt“ heißt. Das scheint so klar, so unangefochten Allgemeingut zu sein: Mit unserer Menschheit geht es immer mehr bergauf. Wissenschaft und Technik machen es möglich. So ist es, seit es begonnen hat in der leuchtenden Zeit der Aufklärung und wir das finstere Mittelalter verlassen haben. Es kommt nur darauf an, diesen Fortschritt auch zu nutzen und mitzuhalten beim Fortschritt, mitzubauen am Turm zu Babel, möchte ich sagen.

 

Nein, liebe Gemeinde, darauf kommt es nicht an, sondern darauf, dass jeder Einzelne von uns ans Ziel gelangt – zu Jesus Christus. Und wir, die wir ihn von Jugend an kennen, dass wir ihm treu bleiben und unser Ziel nicht aus den Augen verlieren! Ja unser Weg hier führt zum Grab, aber nur scheinbar, denn er ist bei uns. ER lässt uns nicht allein, ER, der hinabgestiegen ist ins Reich der Toten. ER nimmt uns an der Hand und führt uns ins Reich des Lichts und der Liebe.


Und die anderen, die ihn noch nicht kennen oder nur sehr flüchtig? Werden sie ihn noch entdecken? Erfahren? Das ist und bleibt bei den einen wie den anderen und mir selbst spannend bis zur letzten Minute. Darum lasst uns wachsam sein und auf seine Stimme hören. Amen

 

1Züricher Übersetzung

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Die meisten der hier auf dieser Webseite veröffentlichten Predigten habei ich in der Kirchengemeinde Berlin-Marzahn/Nord gehalten.  Darum hier auch noch meine letzte Predigt dort:

 Predigt im Silvestergottesdienst 2018 zum Abschied von der Gemeinde Marzahn/Nord,

- da frei von mir gehalten, nun nachträglich noch mal so aufgeschrieben, wie ich es habe sagen wollen -

 

über Johannes 8,31-36:

Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten:Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“

 Da antworteten sie ihm: „Wir sind Abrahams Nachkommen und sind niemals jemandes Knecht gewesen.  Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden?“

 Jesus antwortete ihnen und sprach: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. Der Knecht aber bleibt nicht ewig im Haus; der Sohn bleibt ewig. Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.“


Liebe Gemeinde,

schon dreimal hatte ich über diese Sätze hier Silvester zu predigen, über diese Worte, die so gar nicht zu einer Silvesterfeier zu passen scheinen. Heute am Ende meines Dienstes möchte ich darauf zurückblicken.
1994 war es das erste Mal. Ich habe über Freiheit nachgedacht. Unsere Kinder waren noch in der Grundschule und ich hatte die Erfahrung, wie es ist, Rechtschreibung zu üben. Es gibt Regeln, die man sich einprägen muss, man hat nicht die Freiheit, das einfach anders zu machen.Ein falsch geschriebenes Wort wird immer und immer wiederholt, bis es sich eingeprägt hat. So hieß es: „Übung macht den Meister.“ Dann aber passiert es beim Schreiben, dass man etwas, was bisher immer richtig war, auf einmal verkehrt geschrieben wird. Das sah ich als Bild, wie es uns im neuen Jahr möglicherweise ergehen wird: Wir nehmen uns vor, es nun besser und richtig zu machen, aber wir werden neue Fehler machen, die uns bisher nicht passiert sind. Regeln sind wichtig für das Miteinander, wenn wir gut miteinander auskommen wollen. Jesus ist ein geduldiger Lehrer, der uns, seinen Schülern, zutraut, sie zu lernen und dadurch frei zu sein und Mut zu haben, für die neue Übungsrunde, die das neue Jahr für uns bedeutet.

 Unsere für die Predigt vorgeschlagenen Texte wiederholen sich alle 6 Jahre. Im Jahr 2000 war ich aber nicht dran, den Gottesdienst zu halten, wohl aber 1999. An diesen Abend erinnere ich mich noch sehr gut. Von jungen Männern, die wir eine Zeit lang hier aufgenommen hatten, hatte ich schon ein paar Jahre vorher gehört, dass an diesem Abend in Rio de Janeiro die größte Silvesterparty der Welt stattfinden würde, um das Jahr 2000 zu begrüßen. Die katholische Kirche hatte ein Heiliges Jahr ausgerufen. So war ich auf die Idee gekommen, das Jahr hier in Marzahn in ökumenischer Gemeinschaft zu begehen. Wir haben das Fest Mariä Empfängnis gemeinsam in großer Runde in der katholischen Kirche im Gemeindesaal gefeiert. Beim gemeinsamen Johannisfeuer, der Feier des 2000. Geburtstages Johannes des Täufers in der Maratstraße, waren wir dann schon weniger. Für die Adventszeit hatten wir uns vorgenommen, wie in der Anfangszeit unserer Gemeinden uns gegenseitig in die Familien einzuladen. Ganze zwei Einladungen kamen zustande, die dann auch noch kurz vorher abgesagt wurden. Silvester wollten die meisten zur großen Feier am Brandenburger Tor. Mein Anliegen war, dass unser Gemeindezentrum an diesem Abend offen sei und Licht aus den Fenstern leuchte. Wir luden ein zu gemeinsamen Gebet und Gesang und waren ganze zwei hier: ich und ein Alkoholkranker, der an diesem Abend aber nüchtern war und die Orgel spielte, während ich hier vorn Kerzen anzündete und gebetet habe. Draußen war so ein Nebel, dass man die Hand kaum vor Augen sehen konnte. So konnte auch keiner, der eventuell doch hier vorbei gekommen ist, sehen, dass hier drinnen eine Andacht stattfand.

Nun, nach 18 Jahren naht sich bald das Jahr, in dem wir 2000 Jahre Gedenken an Jesu letztes Abendmahl , seine Kreuzigung, seine Auferstehung, Himmelfahrt und die Gründung der ersten Gemeinde zu Pfingsten gedenken können. Ob es im Jahr 2030, wie in unserem Kalender angenommen, oder im Jahr 2033 zu feiern ist, darüber diskutieren noch die Gelehrten. Ich denke, wir können angesichts der Größe dieses Ereignisses auch vier Jahre lang in ökumenischer Gemeinschaft feiern.

2006, als ich wieder über diese Worte Jesu im Joahnnesevangelium zu predigen hatte, begann ich mit dem Rückblick auf Heiligabend. Da waren so viele hier und mancher sagte: „Na, dann bis zum nächsten Jahr wieder am Heiligen Abend.“ Jesus aber geht es um das Bleiben. Er will uns nicht nur äußere, sondern auch innere Freiheit, ermöglichen, das heißt auch die Freiheit von Zukunftsangst. 2007 stand die Mehrwertsteuererhöhung auf 19 Prozent an. Das war mit Ängsten verbunden, ob dann die Preise auch entsprechend steigen würden und man demnächst noch das Nötige bezahlen könne.

Im Jahr 2012 habe ich die Predigtgedanken von 1994 noch mal aufgenommen und über das Lernen nachgedacht. Jesus möchte, dass wir zu unseren Fehlern stehen: „Ja, ich habe etwas falsch gemacht und nur ich bin dafür verantwortlich. Niemand anderes.“ Er möchte, dass wir die Wahrheit anerkennen und uns die Last der Schuld abnehmen. Er sagt: „Sonst bleibst du der Sünde Knecht.“ Damit möchte er Lust machen, nicht mehr Knecht zu sein, sondern Sohn. „Denn ein Sohn bleibt im Haus des Vaters.“

Und nun 2018? Im Sommer anlässlich der Zeitreise habe ich mit Fritz Müller über die Sünde und die Bedeutung des Todes Jesu disputiert. Er wollte heute eigentlich hier sein, aber ich sehe ihn jetzt nicht.1 Am nächsten Sonntag wird er im Gottesdienst anlässlich des Epiphaniasfestes sein und zu seiner Ausstellung hier etwas sagen, in der die drei Könige auf dem Weg zur Krippe im Mittelpunkt stehen.

Meine Überzeugung ist, dass es Regeln geben muss und sie klar und deutlich benannt werden müssen. Deshalb haben wir im Jahr 2010 auch unser Höflichkeitsprojekt begonnen, weil so einfache Regeln des Miteinanders, dass man sich grüßt, wenn man sich kennt und begegnet, nicht mehr selbstverständlich waren. Es sind Regeln, die wir als Kinder schon lernen und ohne die das Leben zur Hölle wird, wenn wir uns nicht danach richten. Doch wenn wir Erwachsenen es meinen, nicht mehr nötig zu haben, uns daran zu halten, woher sollen es die Kinder lernen?

Nun haben wir heute ja keinen Mangel an Regeln und Gesetzen. Kurz vor Weihnachten hatten wir hier im Haus auf einmal eine Hygieneinspektion und daraufhin ein Merkblatt von 3 Seiten eng beschrieben mit den Regeln bekommen, die es einzuhalten gilt. Es war so viel, dass ich bis heute nicht die Nerven hatte, mir das alles durchzulesen. Regeln sind wichtig, aber es kommt auch auf das Maß an. Zu viele kann man sich nicht merken. Da braucht man dann Spezialisten, die nichts anderes zu tun haben, als auf ihre Einhaltung zu achten. So gibt es ja auch für jeden Fachbereich Spezialisten. Dort, wo viele Menschen sind, ist die Einhaltung von Hygienevorschriften natürlich wichtig.

Gott aber hat uns nur wenige Grundregeln gegeben: die zehn Gebote. Jesus hat sie noch einmal zusammengefasst und auf drei reduziert: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und allen deinen Kräften und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Gott zu lieben, den Nächsten zu lieben - und uns selbst lieben dürfen wir auch.

Dazu hat er uns die Vergebung ans Herz gelegt. „Wenn jemand dagegen verstößt, reicht es, dass ich ihm 7 mal vergebe?“ hatte Petrus Jesus gefragt und die Antwort bekommen: Nicht 7 mal, sondern 7 x 70 mal.“ Das heißt doch: immer.

Wir hören gleich den Solo-Gesang „Drei Könige wandern aus Morgenland, o wandere mit. Der Stern des Friedens erhelle dein Ziel, wenn Du suchst den Herrn – und fehlen Weihrauch, Myrrhe und Gold, schenke dein Herz dem Knäblein hold.“ 2 -
Wandere mit, der Stern des Friedens, der Stern der Gnade erhelle dein Ziel! – Wo von Gnade die Rede ist, da werden Regeln bestätigt. „Gnade vor Recht ergehen lassen“ ist ein Ausspruch, der das beschreibt. Regeln und Recht benötigen den Hinweis auf das, was folgt, wenn sie nicht eingehalten werden: eine Strafe / ein Nachteil, der motiviert, die Regeln ernst zu nehmen.

 

Gnade ist ein Erlass dieser Strafe, dieses Nachteils, von Seiten des unabhängigen Richters. Vergeben aber kann nur der Geschädigte, einmal der, dem dadurch ein Nachteil, ein Schmerz, ein Unheil zugefügt wurde und einmal der, der das Gesetz beschlossen und die Regel formuliert hat und darin nicht ernst genommen wurde, dessen Ansehen und Autorität also Schaden genommen hat.

So bitten wir Gott um Vergebung, wenn wir nun miteinander das Heilige Abendmahl feiern und hören, dass er unsere Regelverstöße nicht auf die leichte Schulter nimmt, nach dem Prinzip: „Ist schon gut, war nicht so schlimm, ist schon vergessen.“, sondern dass er es sich sehr viel hat kosten lassen: sein eigenes Leben, ja das Leben seines einzigen geliebten Kindes – und das ist noch viel mehr als das eigene Leben! Es ist die höchst denkbare Steigerungsform! Mit dieser bekräftigt er die Gültigkeit der Regeln, gegen die wir verstoßen haben.

Eins solche Gnade zu empfangen, wird unser Herz berühren und es öffnen für Jesus, dieses Kind, das „Knäblein hold“, diesen Mann aus Nazareth. Lasst uns ihm folgen. Amen.

1 Er war aber anwesend.

2 "Drei Könige wandern ins Morgenland" von Peter Cornelius